Leserbrief an die „Zeit“

Die „Zeit“ hat meinen Leserbrief nicht veröffentlicht. Recht geschieht es ihr.
Aber jetzt – wohin damit?
Zum Glück betreibe ich ja nun diesen kleinen, aber viel beachteten Blog. Ulrich Wickert schaut immer mal wieder hier vorbei, um sich Ideen für neue Steuertricks und -kniffe zu holen. Dr. Eckart von Hirschhausen lässt sich von mir zu immer raffinierteren Arztwitzen inspirieren. Dasselbe gilt für Eckhart Tolle in Hinsicht auf Mystik und Spiritualität. Und auch Bastian Sick hat seinen Millionenseller „Der Genitiv ist des Bildungsbürgers Arschgeweih“ praktisch eins zu eins von mir übernommen.

Dazu kommen noch die Tonnen von Lesern, die ich erst noch durch Suchmaschinenoptimierung, Networking, Links und interessanten Content hinzugewinnen möchte.

Also genau das richtige Publikum und fast der ideale Kairos* für die Veröffentlichung des Leserbriefs, von dem ich eben gesprochen habe. Hier ist er:

Betreff: Präsens-Wahn

Als ich noch ein Kind bin, es ist heute vor ca. dreißig Jahren, lerne ich in der Schule, dass es drei Zeitformen gibt: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Was früher ist, erkennt man daran, dass es in der Vergangenheitsform geschrieben ist. Gegenwärtiges steht in der Gegenwarts-, Zukünftiges in der Zukunftsform. Wie glücklich bin ich in meiner Kindheit!

Leider ändert sich seither etwas. Oder ändert es sich schon in den 90er Jahren? Vergangene Dinge werden vermehrt in der Gegenwartsform erzählt. Der Effekt soll sein, Erzählungen spannender zu machen. Plötzlich steht der Held, der noch kurz zuvor in der Vergangenheitsform aus dem Haus geht, im Wald, und die Hirschkuh kommt auf ihn zugerast. So weit, so gut. Man findet heute vor zehn, zwanzig Jahren diese Form vor allem in Reportagen.

Heute ist sie überall. Textkästen, Kurzbiografien, Überschriften, nichts kommt mehr ohne Präsens aus. Acht Menschen sterben bei einem Unfall, obwohl sie eigentlich schon tot sind. 1780 wird ein Mann geboren. Heute vor zehn Jahren findet jemand einen Schatz.

Möglicherweise soll durch das Schreiben im Präsens das viel gepriesene Leben im Moment zum Ausdruck gebracht werden. Wer keine Zeit hat zum Meditieren, kann dann wenigstens einen Text lesen, der ganz und gar in der Gegenwart spielt. Oder es ist einfach ein Versuch, das Altern aufzuhalten. Vielleicht soll durch die Einebnung aller Zeiten ja sogar die befürchtete Endzeit noch ein bisschen aufgeschoben werden. Was auch immer dahintersteckt, es nervt.

Wegen dem blöden Genitiv, der angeblich ausstirbt, regen sich alle auf. Dass man sich allerdings heute bei drei Vierteln aller Texte in einer Art Endlosschleife befindet und nicht mehr weiß, sagt die Frau das jetzt, oder sagt sie es zu Beginn ihres Prozesses 2004, stört erstaunlicherweise niemanden. Auf jeden Fall tut keiner was dagegen.

So. Und jetzt schreibe ich mich genug in Rage.

RECLAIM THE PAST! WITHOUT PAST, THERE’S NO FUTURE!

*Karl-Theodor zu Guttenberg: Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU. Berlin, 2009.
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2 Responses to Leserbrief an die „Zeit“

  1. Pingback: Bloggerdiblogg … | ursulinskaja

  2. Cordonius says:

    Amüsant geschrieben!

    Like

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