Romananfänge zu verschenken!

Nennt es Faulheit, aber … ich habe hier ein paar völlig unbenutzte, praktisch neuwertige Romananfänge abzugeben. Macht irgendwas Schönes damit!
Aber Vorsicht: Ein kleiner Fehler hat sich eingeschlichen. Ein Romananfang ist gar nicht von mir. Ob ihr herausfindet, welcher es ist?

In Hamburg entstand die Idee eines göttlichen Strafgerichts.

Bereits das erste Mal, als sie ihn sah, wusste Kerstin, dass sie so einen Block haben wollte: kariert mit Rand und mit einem Meerschweinchen vorne drauf.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Menschen, die jemandem ähnlich sehen, den man kennt, immer so zu einem herschauen, als würde man selbst jemandem ähnlich sehen, den sie kennen?

Christine und Marion waren sich einig: Sie hatten noch nie so wenig interessante Männer auf einem Haufen gesehen. In der neu eröffneten Architektenlounge am Prenzlauer Berg erfanden sie an diesem Abend ein neues Lebensgefühl, das “Boring” hieß.

M. stand auf der vom Strichregen dampfenden Sulfur-Deritrinsulfatmischung und wartete auf den Sechzehnzylinder, der ihn zur Otto-Suhr-Gesamtschule mit integrierter Oberstufe bringen sollte.

Das Blutorange der untergehenden Sonne verkeilte sich aufs Angenehmste mit den Föhnwellen des jungen Mannes, den die Gräfin nun schon geraume Zeit und nicht ohne Wohlwollen von der Strandbar aus ins Visier genommen hatte.

In einem Terrakottatopf am hinteren Ende des Raumes stand eine kleine Ragundel. Sie verwelkte, sobald man sich ihr auf zwei Schritte näherte.

„Ergonomische Scheiße haben Sie da gebaut, Herr G.!“
„Ich kann mich ja auch nicht um alles kümmern, Herr Strumpfbold.“
„Da haben Sie wohl das Kleingedruckte in unserer Stellenanzeige nicht richtig gelesen?“
Gequält lächelnd, aber innerlich abgeknickt wie ein morscher Bleistift, wandte sich Herr G. dem Kopierer zu.

Ihr halbes Leben lang hatte Camilla sich gewundert, warum sie nie anwesend war oder gefragt wurde, wenn irgendwo Dinge aus Pappmaché gemacht wurden.

„Verzeiht, ich habe mich nicht vorgestellt. Mein Name ist die Erleuchtete Gaby. Mein Weg führte mich über Felder und Wälder in dieses gottverlassene, eingeschneite kleine Dorf.“

Am Morgen saß eine Spinne auf Helgas Kühlschrank, und sie konnte ihn nicht öffnen. Ein Sinnbild für ihr ganzes Leben, wie sie fand.

Der Zug hielt in Bazancourt, einem Städtchen der Champagne. Wir stiegen aus. Mit ungläubiger Ehrfurcht lauschten wir den langsamen Takten des Walzwerks der Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit werden sollte. Ganz weit zerfloß der weiße Ball eines Schrapnells im grauen Dezemberhimmel.

A.s Haare hatten sich noch nicht ganz wieder eingekriegt, seit die Stylistin gesagt hatte, sie seien zu trocken.

Die Mayas beendeten den Kalender und rieben sich die Hände. Was kommt jetzt? Sie hatten noch nichts geplant.

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9 Responses to Romananfänge zu verschenken!

  1. Vielen Dank! Allerdings habe ich mindestens genauso viele Romananfänge in meinen Kladden und Heftchen. Und sie dümpeln vor sich hin. Habe auch schon irgendwann angefangen, erste Sätze zu sammeln, doch wo ist das Dokument hin? Vielleicht könnte man einen Tausch machen. Möglischerweise flutscht es dann…
    Ich würde tippen, der Anfang mit dem Terrakottakopf ist nicht von dir. Erinnert mich so an den Steppenwolf. Da gehts doch auch ums Treppenhaus. Oder vertu ich mich da?

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  2. Tintenkiller says:

    Ursulinskaja hat oft erzählt, wie ihr erster Roman “Erleuchtete Gaby” entstanden ist: “Ich setzte mich also an meine Schreibmaschine und schrieb: Das Land, in dem Gaby die Erleuchtete lebte, war nur sehr klein. Das war der erste Satz, und ich hatte nicht die geringste Vorstellung, wie der zweite heißen würde. Ich hatte keinerlei Plan zu einer Geschichte und keine Idee. Ich ließ mich einfach ganz absichtslos von einem Satz zum anderen, von einem Einfall zum nächsten führen. So entdeckte ich das Schreiben als ein Abenteuer. Die Geschichte wuchs und wuchs, immer mehr Gestalten stellten sich ein, Handlungsfäden begannen zu meinem eigenen Erstaunen sich durcheinander zu weben. Das Manuskript wurde dicker und dicker und war längst über den Umfang eines kleinen Bilderbuchtextes hinausgewachsen. Und als ich endlich, etwa zehn Monate später, den letzten Satz schrieb, lag ein dickes Manuskript vor mir.”
    Ursulinskaja behauptete immer, dass ihr nur etwas einfalle, wenn sich aus der Erzählung selbst die Notwendigkeit ergebe, etwas zu erfinden. Manchmal musste sie während des Schreibens lange darauf warten, bis sich ein solcher Einfall einstellt.

    Beinahe gibt sie Erleuchtete Gaby auf, als sie mit dem Handlungsverlauf stecken bleibt: Als Gaby in ihrem Opel Kadett in der Region der schwarzen Felsen nicht mehr weiterkann, will Ursulinskaja das Abenteuer nicht einfach streichen und anders fortfahren, denn das hätte sie als unehrlich empfunden. Sie ist schon bereit, das Buch abzubrechen, als sie nach drei Wochen plötzlich die rettende Idee hat: Der Dampf, der aus den Düsen der Windschutzscheibenreinigung des Opel Kadetts aufsteigt, wird zu Schnee und bedeckt die Schwarzen Felsen. “Schriftstellerei ist – bei mir jedenfalls – in erster Linie eine Geduldsarbeit.”
    Nach einem knappen Jahr ist ein 500 Seiten umfassendes Manuskript entstanden.

    In den nächsten anderthalb Jahren schickt sie das Manuskript zu mehr als zehn Verlagen, und jeder schickt es mit dem Vermerk zurück: “Passt leider nicht in unser Verlagsprogramm” oder “Kinder lesen keine so dicken Bücher”. Auch Erich Kästner, den Ursulinskaja in einem Brief um Unterstützung bittet, antwortet nicht. Ursulinskaja verliert die Hoffnung und will das Manuskript in den Papierkorb werfen. Als Ingeborg Hoffmann davon erfährt, beendet sie prompt die dreimonatige Trennungszeit, die die beiden wieder einmal zur Probe ihrer Beziehung vereinbart hatten, macht Ursulinskaja neuen Mut und übernimmt kurzentschlossen die Initiative. Sammy Drechsel, der Chef des Kabaretts Die Namenlosen, empfiehlt, sich an den K.Thienemanns Verlag in Stuttgart zu wenden, einem kleinen Familienbetrieb, bei dem er selbst mit seinem Buch Elf Freunde müsst ihr sein gute Erfahrungen gemacht hatte. Ursulinskaja Manuskript gelangt so in die Hände von Lotte Weitbrecht, der damaligen Leiterin des Verlages, die die Geschichte mag und annimmt. Einzige Bedingung: Das dicke Manuskript muss so umgearbeitet werden, damit es in zwei Bände aufgeteilt werden kann.
    Übrigens: Ursulinskaja ist der Lektorin, die sie künstlerisch auf ihr eigentliches Gleis gesetzt hat, nie mehr begegnet. Selbst ihren Namen erinnert sie nicht mehr.

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  3. jcsahnwaldt says:

    Ich hab’s gleich wiedererkannt: Du hast aus den “Plüschgewittern” von Wolfgang Herrndorf abgeschrieben.

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