Die Kardashians und ich

Heute aus Ursulinskajas Archiv, Thema: Arbeit im weitesten Sinn

“In Zukunft besteht die Arbeit nicht mehr darin, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern darin, im Zeitalter der Automation leben zu lernen.”
Marshall McLuhan

Massive Kräfte wirken auf mich ein und wollen mich im Traum zum Arbeiten zwingen. Ich habe ihnen aber erst mal widerstanden.

Was arbeite ich denn? Morgens, wenn die Hähne krähen, steig ich auf meine Hühnerleiter und streichle die Federn eines vergessenen Tages. Am Mittag kommt jemand und schaut sich meine Ohren an.

Und das würde ich gern arbeiten:
Aktensortieren bei der Deutschen Rentenversicherung, und das für immer. Keine Ängste, keine Sorgen mehr, das Alter kann kommen. Ich teile mir den Platz zwischen den Kopiergeräten mit mehreren dicken und konfliktscheuen Kollegen.

Jeden Tag ging sie zu der großen Lichtung und packte ihre Hirsche aus. Sie platzierte sie so im Unterholz, dass ihre stattlichen Geweihe gerade so mit den Spitzen ins Freie ragten. Danach setzte sie sich ein Stück weiter weg ins Gras und aß ihre Stullen. Die Arbeit hatte sie hungrig gemacht. Die Wiese leuchtete in grellem, saftigem Hellgrün. Ihre gute Laune wuchs dadurch nur. Sie waren drei fröhliche, aufgeweckte Gesellen.

Während ich das schreibe, geht der Millionär zum Angeln, und seine Frau erstellt im Hintergrund neue Powerpointpräsentationen für Baby-Yoga. Sie haben den ganzen Tag kein Wort gewechselt. Die Kinder nerven, aber sind süß. Die Frau ist gelangweilt und will gerne „was Eigenes“ haben.

Derweil in Honolulu, wo ein Arztehepaar seinen Urlaub damit zubringt, abwechselnd ins Leere zu starren oder Arztromane zu lesen (sie).

Während ich Briefe eintüte, sickert die Atmosphäre der ganzen Firma in mich ein. Ich werde häufig gefragt, ob’s mir nicht langweilig wird beim Eintüten, aber wird’s mir nicht. Ich beschäftige mich in Gedanken mit der Firma, allerdings nicht exakt auf dieselbe Art wie meine Kollegen.

Das Fensterputzen hat mir immer am meisten Spaß gemacht. Etwa zwei Tage hat es gebraucht, einmal das ganze Sechseck zu umrunden, eine doppelte Erdumdrehung. Das machte nichts. Ich durfte so lange putzen, wie ich wollte, und meine eiernden Velvet-Underground-Kassetten dabei hören. Nie hat mich jemand zu größerer Eile angetrieben oder für das durchnässte Papier auf den Schreibtischen verantwortlich gemacht. Ob es damit zu tun hatte, dass ich die Tochter des Chefs war?
Diese Erkenntnis traf mich viele Jahre später plötzlich wie ein Hammer. Von nachträglich einsetzendem Pflichtbewusstsein und einer unerklärlichen Traurigkeit wurde ich regelrecht durchgeschüttelt. All die toten Fliegen auf den Fenstersimsen! Wie gerne wäre ich zu ihnen zurückgekehrt und hätte diesmal alles besser gemacht.

Manchmal kommt die Tochter des Chefredakteurs zu Besuch. Sie ist vier Jahre alt und eine zukünftige Leaderin. Die ganze Zeitung liegt ihr zu Füßen. Uns Freiberufler schaut sie nicht mit dem Arsch an. Das Kind weiß Bescheid.

Stellenausschreibung:
Parkbetrachterin öffentlicher Dienst
Ihre Aufgabe ist es, Zeit in der barocken Parkanlage des Amtsgerichts zu verbringen. Der friedlichen und kontemplativen Atmosphäre des im 18. Jahrhundert angelegten Vorplatzes verleihen Sie dadurch eine noch tiefere Dimension. Den hier Beschäftigten machen Sie durch Ihre Anwesenheit bewusst, an was für einem schönen, ruhigen Ort sie arbeiten dürfen. Besoldungsgruppe R1.

Bedingungsloses Grundeinkommen bedeutet: Jeder hat plötzlich frei. Nicht nur die Kardashians und ich, sondern auch alle anderen, und wir können es dadurch mehr genießen.

reiher-senkrecht2
Reiher, Vancouver

Advertisements
This entry was posted in Uncategorized. Bookmark the permalink.

2 Responses to Die Kardashians und ich

  1. annakalina says:

    Sowas will ich beim Bachmannpreis vorgelesen bekommen!

    Like

  2. Pingback: Akquise sucks | ursulinskaja

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s