Armageddon oder Weltfrieden? (Bring misch nach Hause!)

Dies sollte eigentlich ein ganz gewöhnlicher Beitrag von Ursulinskaja werden. Nach längerem Abwägen habe ich jetzt allerdings beschlossen, ihn in einen ♥♥♥ ! Schreibwettbewerb ! ♥♥♥ umzuwandeln. Der Hintergrund: muss ich das nicht selber machen, und finde ich die Beantwortung der oben gestellten Frage schwierig.

Hier also das Thema/die zu erörternde Frage:
Armageddon oder Weltfrieden?”*
bzw.
Is this the Dawning of the Age of Aquarius?”

Formale Vorgaben gibt es keine. Es darf also “gemalt, geklebt, geschrieben, gefaltet und geschnitten werden. Und sogar ein Fettfleck soll hinein”**. Eine Sache gilt es allerdings zu beachten:

  • Der Beitrag sollte in jedem Fall optimistisch sein. Im Bezug auf die Fragen also: ganz klar “Weltfriede”, bzw. “Yes” als Antwort.
  • Ein paar Begründungen für diese optimistische Einschätzung wären nicht schlecht – hier ein paar Beispiele:
    – Donald Trump wird bestimmt bald selbst einsehen, dass er einen Sparren hat, und freiwillig abdanken. Dasselbe gilt für Putin, Assad, Erdogan, Orban, Kim Jong-un, Ulf Poschardt, Horst Seehofer, Harald Martenstein etc. Eines Tages fangen sie völlig unvermittelt plötzlich wie blöd an zu kichern und schütteln die Köpfe: Sag mal, wie bescheuert waren wir eigentlich die ganze Zeit? Ja gibts denn so was! Diese völlig überkommene Vorstellung von Männlichkeit, die wir da die ganze Zeit zelebriert haben! Ja, sooo ein Quatsch. Hihi! Ja lüg ich denn! Und diese ganze Gewaltscheiße, überhaupt, Hierarchien! Wo das doch so was von nicht mehr zeitgemäß ist … Usw. Usf.
    – Klimawandel wird irgendwie aufgehalten.
    – Bienen sterben doch nicht aus.
    – …
    – Und jetzt seid ihr dran!

Es gibt tolle Preise zu gewinnen!

1. Preis: ein Ursulinskaja-T-Shirt! (Ist noch in  der Konzeptionsphase.)
2. Preis: ein Ursulinskaja-T-Shirt mit Schnursi-Motiv!
3. Preis: ein Duplo. Nicht mehr verfügbar

freundschaft waechter
F F. K. Waechter: “Freundschaft zwischen Mensch und Tier”. Aus: “Wahrscheinlich guckt
F wieder kein Schwein”, 1978

Also, Leute, jetzt gehts um die Wurst! Strengt euch an! Es geht um nicht weniger als das Fortbestehen der Menschheit. Ich freue mich auf eure zahlreichen mutmachenden, farbenfrohen, anregenden, optimistischen, hoffnungsvollen, aufheiternden, froh stimmenden und nicht zuletzt argumentativ ausgebufften Beiträge – gepostet hier in den Kommentaren, per E-Mail an die unter Überursel genannte Adresse oder per Post in mein geheimes Postfach.

Love & Peace!

Eure Ursulinskaja

*Aleksey: “Millenium” (1999)
**F. K. Waechter: Opa Hucke’s Mitmachkabinett (1976)
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Meet The Think Tank Girls

“Laberst du eigentlich immer nur so vor dich hin, oder hast du auch irgendeinen Plan?” Das werde ich häufig von Lesern gefragt.
Meine Antwort löst meist einiges Erstaunen aus. Denn nicht nur verfügt Ursulinskaja über einen ausgereiften Masterplan – sie unterhält sogar ihre eigene Denkfabrik. Darf ich nun also vorstellen: die beiden fließigen Bienchen Ursi* und Ulla* von KÄPSELE SUPERIOR Inc.

Ursi, Ulla – um was geht es im Kern bei Ursulinskaja?

Ulla: Wir nehmen aktuelle und gesellschaftlich relevante Themen auf, um sie in einem ansprechenden Format leserfreundlich und mit maximalem qualitativem Anspruch aufzubereiten.TM

Das klingt nun noch ein wenig abstrakt. Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Ulla: Nehmen Sie jetzt ganz aktuell die Finanzkrise, oder Britpop …

Ursi:  … den Teuro …

Ulla: … die Vorwahlen in den USA. Solche Sachen.

Ursi: Wir tunen uns also ein auf einen Trend, und von da geht es dann zwanzig, dreißig Jahre zurück.

Ulla: Oder wir sparen uns das mit dem Trend und springen gleich zurück.

Ursi: Ja, je nachdem. Das ist immer auch eine Zeitfrage.

Der Zeitdruck ist hoch, nehme ich an.

Ursi: Enorm hoch.

Ulla: Extrem hoch.

Ursi: “Der Cyberspace wartet nicht” – das ist einer von Ursulinskajas Leitsprüchen.

Gibt es darüber hinaus irgendeine alles verbindende Philosophie?

Ursi: Der Philosoph Ludwig Wittgenstein soll mal gesagt haben: “Die Welt ist alles, was der Fall ist”. Einer meiner absoluten Lieblingssprüche. Da steckt so viel drin für mich – akzeptieren, was da ist, loslassen, annehmen. Einfach mal so staunen und kucken.

Ulla: Fünfe grade sein lassen.

Sind das Werte, für die die Marke Ursulinskaja steht?

Ursi: Unbedingt. Ursulinskaja hat ja, bei aller Verbissenheit, auch was sehr Lockeres, Lustiges. Nicht so verkrampft, ist unsere Devise. Ich liebe zum Beispiel diese Sprüche, die in Büros oft an den Wänden hängen. “Je attraktiver die Kollegin, desto länger die Überstunden”, “Tass Kaff”. Solche Sachen.

Ulla: Essenziell ist, dass wir uns von den bloggenden Mitbewerbern im Cyberspace abheben. Der Kuchen ist klein, und nicht viele haben überhaupt Lust auf Kuchen. Manche mögen zum Beispiel viel lieber Eis.

Das heißt?

Ulla: Da muss man auch mal andere Geschütze auffahren. Zu dem Zweck arbeiten wir nach dem SODELETM-Prinzip: Schockieren, Ordentlich Druff, Emotions, Labern, Excellence.

Wie viel Freiheiten haben Sie bei der Suche nach Themen?

Ursi: Wir arbeiten nach den strengen Richtlinien, die Ursulinskaja uns vorgibt. Meistens läuft das so ab, dass sie über Teleprompter einen Begriff in den Raum wirft – “Liebe”, “Leidenschaft”, “Tod” -, und wir assoziieren dann frei dazu. Allerdings nach strengen Vorgaben.

Ulla: Ohne Disziplin geht leider gar nichts, das gilt auch fürs Brainstorming. Labern mit Qualität will gelernt sein und erfordert, dass die Schere schon im Kopf beginnt.

Ein Beispiel für etwas, das es nicht aus Ihrem Think Tank in den Blog geschafft hat?

Ursi: Mir fällt immer wieder das Wort “Arsch” ein, wenn ich frei assoziiere, weiß auch nicht, warum.

Ulla: “Blödmann”, “Kackwurst”, “Fickscheiß”, solche Sachen. Ursi hatte auch mal vorgeschlagen, was über Fahrräder zu machen. Das ging aber leider auch nicht.

Das stimmt.

Ulla: Ich koche außerdem unglaublich gern mit dem Römertopf und habe schon ein paar Mal versucht, Rezepte hier unterzubringen, vergebens.

Ursi: Ich würde ja auch total gern mal was über Martin Heidegger machen. Wahnsinn, was der Mann für Sätze raushaut. Im Sichrichten auf… und Erfassen geht das Dasein nicht etwa erst aus seiner Innensphäre hinaus, in die es zunächst verkapselt ist, sondern es ist seiner primären Seinsart nach immer schon bei einem begegnenden Seienden der je schon entdeckten Welt.” Reines Kopfkino, was da bei mir abgeht.

Ulla: Wir hatten außerdem die Idee zu einem Maskottchen, das Ursulinskaja zu Weltruhm verhelfen sollte: Schnursi, eine Art wandelndes Hakenkreuz, zur Abmilderung in Elsablau und Rosa und mit Augen aus Popkorn. Schnursi als Stofftier, auf Klamotten etc., das war unsere Vison. Es wäre abgegangen wie die Diddlmaus, Filypferdchen und die Mädels von “Frozen” zusammengenommen und hätte endlich mal ein paar Einnahmen eingespielt. Allein – manchmal habe ich den Verdacht, Ursulinskaja strebt im Grunde gar keinen kommerziellen Erfolg an.

schnursi 2

Entwurf für das Maskottchen “Schnursi”


Ursulinskaja als Arbeitgeberin – eine kurze Bewertung?

Ursi: Na ja.

Ulla: Atmosphärisch OK, würde ich sagen …

Ursi: … ja, das mit der Tischtennisplatte ist auf jeden Fall lieb gemeint.

Ulla: Die Kohle könnte allerdings besser sein.

Ursi: Die Kohle ist unter aller Sau.

*Dienstnamen
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Ich zitiere nur

Wegen anhaltender Wortfindungsschwierigkeiten: heute nur Zitate.

zeichi

Europa und die USA. Mancher Blick nach innen wie über den Atlantik trägt dieser Tage den Schimmer der Ernüchterung in sich. Manche kleine wie epochale Erschütterung führt mittlerweile zur Systemfrage. Und manche Tradition weicht der Nostalgie.1

When you walked into Neverland, you felt like you were in a very magical place. The house, amusement park, carnival rides, flowers, and the petting zoo … all were too astonishing to believe. The people who worked there where so accommodating and sweet, and the whole ranch had such good energy.2

Er stand auf, es war, als lebe er in zwei Ereignissen, von denen das eine weiterlief, das andere aber stillestand.3

Und man hatte einen Augenblick lang ein so sonderbar verkehrtes Gefühl, daß man wirklich nicht mehr recht wußte, ob sich dieses kleine, lebendige, schwarze Auge drehe oder ob sich die ungeheure Unbeweglichkeit der Berge rühre. Man wußte nicht mehr: vollzog sich an einem der Wille der Welt oder der dieser Maus, der aus einem winzigen, einsamen Auge leuchtete. Man wußte nicht mehr: war Kampf oder herrschte schon Ewigkeit.4

Als der Kommissar am Ende des Urlaubs nach Hause fährt, lenkt er den Wagen mit links. Den rechten Arm will er um seine Frau legen, doch es gelingt ihm nicht. Als er am ersten Arbeitstag in sein Büro kommt, ist ein großes Helau und Hallo wegen dem appen Arm, jeder will mal anfassen.
Zum Glück hat der Kommissar die Sache mit dem appen Arm nur geträumt. Als er am nächsten Tag ins Büro kommt, ist ein großes Hallo und Helau, jeder will die beiden Arme mal anfassen.5

But I also think that Phil Collins works better within the confines of the group than as a solo artist—and I stress the word artist. In fact it applies to all three of the guys, because Genesis is still the best, most exciting band to come out of England in the 1980s.6

Ich finde das zum Kotzen. Ich könnt vor Zorn zerplatzen.
Ich könnt vor Wut vergehen. Ich scheiß mir auf die Zehen.
Ich piss mir auf die Hacken. Ich muss vor Ärger kacken.
Ich bin total ergrimmt.
Pfurzkanone, Schweinebohne, Hühnerdreck und Scheiß am Speck,
grobkarierter Ziegenmist, dreimal kräftig draufgepisst, dudeldudeldu!7

Texas is the biggest state in the United States.1 Everything you see in Texas ist the biggest in the universe or in the world or in the nation or at least in the county or, at any rate, the biggest in the town. Texas is the nations biggest producer of spinach, millionaires and onions²;  it grows more tomatoes3; it produces more oil, folk songs4, cattle, carbon black, natural gas and tall tales then any other state.
(1Except Alaska.)
(2Except Idaho.)
(3Except Kansas.)
(4Except Tennessee.)8

It’s no wonder, then, that today reason often seems to fail us. As Mercier and Sperber write, “This is one of many cases in which the environment changed too quickly for natural selection to catch up.”9

Es ist DIE Überraschung der Woche: TV-Blondine Sophia Thomalla hat geheiratet … Warum die 26-Jährige es mit der Eheschließung plötzlich so eilig hatte, ist ihr heute selbst ein Rätsel.
“So richtig weiß ich das nicht mehr. Es waren bewegte Tage damals. Till und ich getrennt, mein Kopf platzte, mir wurde alles zu eng. Die Heirat ist aus einer Extremsituation heraus entstanden.”10

Japsend zeigt der Kommissar auf sich selbst und versucht zu begreifen, was passiert ist. Es ist Surrealismus. Doch der Kommissar macht jetzt das einzig Richtige, er wird absurd. Er verwandelt sich in ein geometrisches Dreieck, aus dem Raum macht er einen Kreis, dessen Schnittpunkte sich mit dem Dreieck treffen, er ist frei.11

Von Herzen Dank meinem großen Lehrer (…) Häberle für Unzähliges, das kein Vorwort angemessen abbilden könnte.12

1 Karl-Theodor zu Guttenberg: Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU (Dissertation, 2006)
2 Kris Jenner: Kris Jenner … And All Things Kardashian (2011)
3 Alexander Lernet-Holenia: Mars im Widder (1941)
4 Robert Musil: Die Maus. Aus: Nachlass zu Lebzeiten (1936)
5 Helge Schneider: Zieh dich aus du alte Hippe (1995)
6 Bret Easton Ellis: American Psycho (1991)
7 F. K. Waechter: Opa Hucke’s Mitmachkabinett (1976)
8 M. Sasek: This is Texas (1967)
9 The New Yorker: That’s what you think. Why reason and evidence won’t change our minds (Feb. 27, 2017)
10 InTouch Nr. 25 (2016)
11 Helge Schneider: Zieh dich aus du alte Hippe (1995)
12 Karl-Theodor zu Guttenberg: Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU (Dissertation, 2006)
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Treptow

Aus Ursulinskajas Schublade, ca. 2000.

lsd-knetHalluzination. Aus: Drogen. Fakten. Eine Informationsbroschüre Ihrer Polizei (1996)

Die Reise beginnt mit einem Demonstrationszug durchs sommerliche Friedrichshain. Free, free Mumia!” skandieren die Leute vor dem Supamolly, und wir reihen uns ein in den Zug und schreien ein bisschen mit. Schließlich will keiner, dass ein Bürgerrechtler in einem amerikanischen Gefängnis ermordet wird – besonders nicht an einem Tag wie heute!

Die eigentliche Reise beginnt ungefähr eine halbe Stunde später. Wir haben uns aus dem Zug ausgeklinkt und treffen im Boxhagener Park auf die anderen. Von der Mumia-Parade ist nur noch das Ende zu sehen, ein Schwanz von bunt gekleideten, fröhlichen Leuten. Ihre Rufe werden immer leiser – es könnte jetzt genauso gut auch „Hare Krishna” heißen, was sie da singen, ehrlich gesagt! Wir jedenfalls haben unsere politische Arbeit für heute getan. Joschi hat das Ticket dabei.
Fachmännische Augen begutachten den kleinen Schnipsel auf seiner Hand. Es ist ein „Superman”, den Joschi, Lutz und ich uns jetzt teilen wollen.

Aber bevor es gleich losgeht, gibt es Verwirrung und schlechte Laune, weil Lutz plötzlich nicht mehr mitmachen will. Und ich will höchstens ein Drittel. Joschi findet uns beide zwei ausgesprochene Langweiler. Und als mir die ganze Bruchrechnerei und die Vorwürfe, wir wären langweilig, endlich auf die Nerven gehen, nehm ich kurzer Hand die eine Hälfte und schluck sie hinunter.

Ich tu’s, als wär’s ein großer Dienst an der Menschheit. Und ich bereue es sofort.
Oh Gott, oh Gott. Ich glaub, ich will das gar nicht!”
Ich geh hinter einen Busch und steck mir den Finger in den Hals.
Als ich zurückkomme, ist alles wieder gut.

Da passiert jetzt nichts, das ist jetzt alles draußen”, beruhigen mich zehn Leute, die es wissen müssen. Joschi ist sauer und fühlt sich alleingelassen, aber ich bin froh, dass jetzt alles vorbei ist.

***

Eine halbe Stunde später schiebt sich ein Ölmalereifilter vor das Stillleben aus Bierdosen und Zigarettenschachteln zu meinen Füßen. Sehr schwungvoll sieht das aus, wie aus einem Malereilehrbuch. Da kann man regelrecht die Pinsel noch sehen, die hier demonstriert werden sollten!
Cool”, sagt Lutz, dem ich’s erzähle.
Scheiße, Lutz”, sag ich. „Bleibst du heute Nacht bei uns, bitte?”
Lutz verspricht es.

Joschi macht mit mir den Zigarettentest: Ein kleiner Funke folgt dem großen überallhin nach. Ich seh’s. Die anderen sehen’s nicht. Es geht jetzt also los.

Ich lauf durch das Gras und – blobb blobb blobb – wölben grüne Maulwurfshügel sich mir entgegen, bis der ganze Platz damit übersät ist.
Cool”, sag ich zweifelnd.
Ich schau nach oben, und die ersten Sterne verfitzeln sich da und zischen – boing, zisch – in riesigen Bahnen über den dunkelblauen Himmel.

Cool!”
Wir brechen auf, anscheinend ist es nämlich jetzt schon kalt!

Jetzt wird’s schwierig. Birkenstocksohlenprofile sind grau in grau zentimetertief in den Boden eingelassen, und ich tappe vorsichtig den anderen hinterher über die Modersohnbrücke, immer darauf bedacht, Lutz nicht zu verlieren. Lutz ist nämlich mein gesunder Menschenverstand, und der verlässt mich nie!
Ist es schlimm?”, fragt er mich auf der Brücke.
Nee, schön!”, sag ich.
Na also!”

Bei Joschi hören wir Slayer und die Pogues. Das geht, das geht alles, aber sehen kann man hier schon, warum das keine ausgesprochenen Psychedelic-Platten sind. Die Pogues poltern penetrant und quietschfidel durch den Raum und erzeugen Explosionen von Rot und Blau, nur damit wir tanzen. Wirre Notenstränge wie Melonenkernreihen sammeln sich dichtgedrängt in nur einem Teil des Zimmers – das ist zu schnell und dicht und durcheinander, um lang gut zu gehen, und am Schluss sitzen alle wieder auf ihren Plätzen, als wär nichts gewesen, vom Hoppeln erschöpft wie stehen gebliebene Aufziehhäschen.
Zu Slayer bängen alle, und ihre Haare bleiben verschwommen im nebligen Nachbild stehen.

DAS IST REIGN IN BLOOD, DIE HÄRTESTE PLATTE DER WELT”, sagt Joschi.
Der Satz, in Granit gemeißelt, steht fett und grau mitten im Raum.

Ich sitze auf dem Boden und vergess immer alles. Draußen ist grün und blau, Monster Magnet machen Stereoanlagendemonstrationssound. (Die Stereoanlage ist schwarz, mit einem roten Punkt am Anschaltknopf).
Drinnen ist düster, eine schwarze Rose. Und das wird von nun an immer so bleiben. Das hier war der größte Fehler meines Lebens.

Ich sitze auf einem Schaukelstuhl. Das Zimmer verändert seine Maße und das ist alles OK, und ich bin froh, dass ich mal Joschis Haare anfassen darf. Sie sind weich wie allerweichste Wollgewächse und fühlen sich toll an.

Wir gehen auf die Insel im Treptower Park. Die Brücke ist steil, steil, steil wie ein Regenbogen, aber grau und aus Beton, ich lass mich doch nicht verarschen! Es ist so lustig, dass ich hier tatsächlich hochlaufen kann, dass ich nicht mehr aufhören kann zu lachen, und ein Sonnenblumenhippiemädchen strahlt mich an, und ein anderes sagt zu ihr: „Lass mal, die hat schon.”

Auf der Insel setzen wir uns ans Wasser.
Mmh.
Die Stelle ist nicht so gut, lass uns mal woanders hingehen.
Mmh.
Die Stelle ist auch nicht so gut, lass uns mal woanders hingehen.
Mmh.
Die Stelle ist AUSGESPROCHEN scheiße, lass uns BITTE woanders hingehen.
Oh, Kinder!” seufzt Lutz. Wir haben vier, fünf Stellen ausprobiert, bevor wir zur Brücke zurückgehen.

Oben auf der Brücke ist die Öffnung zu einem pulsierenden Technoloch. Keine zehn Pferde würden mich da hinunterkriegen.
“Also gut, wir sehen uns morgen!”, sagt Lutz.
“Ja, tschüs!” sagt Joschi.
WAS??????
Lutz wird von dem Technoloch aufgesogen und ward nicht mehr gesehen.

***

Lutz hätte nicht gehen dürfen. Lutz hätte nicht gehen dürfen.”
Es kippt jetzt um, ich merk’s genau. Joschi merkt’s auch und rauft sich die fluffigen Haare. Sein Gesicht ist nicht mehr als eine rötliche Wolke an meiner Seite. Die Menschen im Park sehen aus wie aus Holz geschnitzt, und ein Pärchen hat verschlüsselte Gesichter aus rechteckigen, vibrierenden Kästchen, wie Vergewaltigungsopfer in einer Talkshow. Joschi sagt, er hat’s auch gesehen, aber ich glaub ihm kein Wort.

Wir stehen an einer Ampel und warten auf Grün, die Arme ausgebreitet wie zwei rote Ampelmännchen. Als wir die Straße überquert haben, ist schon seit Stunden kein Auto unterwegs gewesen.

In Joschis Zimmer kotz ich auf den Boden.
Das gibt’s nicht, auf Ticket muss man nicht kotzen”, sagt Joschi dazu.
Wir sitzen auf dem Teppich, auf den ich gekotzt hab, und halten uns aneinander fest wie ein Hippiepärchen im Regen.

Oh Mann, du schicksch mi”, sagt Joschi jetzt. Ich schick ihn auf einen schlechten Film, nämlich.
Aber was soll ich machen.

Alles findet auf sieben Ebenen statt, die sich immer abwechseln.
Eine ist die, auf der ich das weiß – „Ich bin auf sieben Ebenen, die sich immer abwechseln.”
Auf einer seh’ ich mich von oben. Eine ist jenseits von Raum und Zeit, also auch Blödsinn das alles mit den sieben Ebenen, vergiss es, kontinuitätslose Zerstreutheit in alle vier Winde des Denkens und außerhalb davon ———————— ————————— Ich vergess immer alles, das ist schlimmer als beim Kiffen. Eine fettwulstige Hand läuft über mein inneres Gesichtsfeld (hier ist alles nicht so real wie das bunte Gewobbel und Gewimmel da draußen, es ist noch mehr mit Denken durchzogen und halb transparent, überhaupt sollte ich mehr nach draußen kucken, und davon redet doch auch Joschi die ganze Zeit!
Anfangs war ich ja fast ein bisschen enttäuscht davon, wie einheitlich diese sterile Technoästhetik ist und dass alle dasselbe sehen und gar nichts unlogisch ist und dass man diese bunten Blasen und Kugeln und Muster so gut nachmachen könnte, mit speziellen Kameras und Filtern – die auf MTV wissen ganz gut, wie man das macht …)
Alles findet auf sieben Ebenen statt.”

Und ich schwör’s dir, hier, auf Ticket”, sagt Joschi jetzt, und ich krieg’s im Moment nicht zusammen, ob das einen Schwur bestärkt oder entkräftet. Ich versuch lieber nicht drüber nachzudenken, lachen muss ich trotzdem, oh Gott, ich kann noch lachen!
– das war mein letzter Trip, und Pillen nehm ich auch keine mehr, überhaupt keine synthetischen Sachen. Nur noch kiffen.”

Wir kiffen die ganze Zeit. Joschi dreht einen Joint nach dem anderen, weil er sich einredet, dass uns das beruhigt. Das ist natürlich Blödsinn, und ich weiß auch warum. LSD ist digital und Haschisch analog. Man kann keine CD stoppen, indem man eine Schallplatte auflegt (oder so ähnlich ist es doch?). 

Es hat gepfiffen! Hast du das auch gehört, Joschi, zwischen all dem anderen Scheiß?
Ich geh ans Fenster und: Oh Gott! Mich wirft’s ein paar Meter zurück vor Schreck, und dann muss ich lachen: Das gibt’s ja gar nicht! Wie ein Flohkistenmännchen hat mich gerade das Gesicht von Lutz angesprungen, eine Art Jokerface, flachgedatscht und mit Rombenmustern durchzogen, mehr breit als hoch und kilometerweit grinsend – so kam es an einer langen Feder aus dem Hof zu uns hochgeschnalzt und hat mir die Zunge rausgestreckt! Einen Moment lang war es riesengroß vor dem Fenster, nur einen halben Meter von mir entfernt, bevor es wieder zurück in den Hof gefatzt ist. Aus dem fünften Stock!

Ich bin mir nicht ganz sicher”, sag ich zu Joschi, „aber ich glaube, da unten steht Lutz.”

Etwa fünf Minuten später klingelt es an der Tür.
Gott sei Dank”, sagt Joschi resigniert.
Es ist Lutz! Er wollte nur noch mal kurz nach uns schauen, bevor er nach Hause geht. Es ist tatsächlich Lutz!
Jetzt lass ich ihn nicht mehr gehen. Dass Lutz zurückgekommen ist, ist ja wohl ein Zeichen! Gott sei Dank, oh Mann! Ich versprech ihm die letzte Pixies-Platte, die “Trompe le Monde” mit dem komischen Auge auf dem Cover, wenn er von jetzt an bei uns bleibt.

Also gut. Dann müssen wir allerdings wieder raus und draußen rumlaufen, weil Lutz total besoffen ist und sonst einschläft. Das tun wir, zu dritt, ”Lutz ist der Pfarrerssohn”, sagt Joschi die ganze Zeit.

Eine Geschichte, die ich nirgends unterkriege (warum war Lutz nicht dabei?):
Auf einem kleinen Mäuerchen in Stralau sitzt ein alter Mann mit einer sehr, sehr dicken Brille. Er hat ganz winzige Augen am Ende eines lagen Tunnels hinter einem von Otto Dix gemalten Brillengestell. Obwohl seine Wohnung nur zehn Meter von hier liegt, ist er zu betrunken, um nach Hause zu kommen. Ob wir ihm nicht helfen können? Er zeigt diagonal über die Kreuzung. Wir haken uns bei ihm unter. Das Kopfsteinpflaster schlägt graue, erstarrte Wellen aus Pflasterstein. Es ist sehr mühsam, ihn da hinüberzuschleppen. Ich starre die ganze Zeit auf den Boden und schüttle ungläubig den Kopf, „Oh Mann”, sag ich immer wieder, und Joschi antwortet mir jedes Mal mit: „Oh Mannmann.”
(Wenn man jemand anders helfen kann, kann man sich selbst doch auch helfen, oder?)

Wir sitzen in einem Park, und Fontänen von Grün und Blau zerstäuben die Luft.
Aber jetzt ist gut. Jetzt müssen wir wirklich schlafen. Lutz wird bei uns bleiben und uns bewachen, OK? Aber jetzt müssen wir wirklich schlafen.

OK, aber wo? In meiner neuen Wohnung will ich nicht die Aura verderben, noch bevor ich dort richtig eingezogen bin. Wir könnten in Katrins Wohnung gehen, wo ich noch bis vor Kurzem gewohnt hab, wo ein Motörhead-Kopf an die Wand gemalt ist und ich mich in den letzten drei Monaten so wohl gefühlt hab wie in Mutters Schoß. Katrin ist noch in Thailand.

Wir gehen in Katrins Wohnung und hocken uns vor den Fernseher. Hinter uns auf der Matratze liegt Lutz wie der vernünftige Junge von zwei nervösen Junkieeltern und regt sich auf, weil wir die ganze Zeit umschalten. Wir schalten aber auch die ganze Zeit um, oh Mann!
Das ist aber auch ein Programm!
Auf einem Kanal: Psychosen in der Alterspsychiatrie. Auf einem anderen Kanal: Dias von bayerischen Ferienhäusern. Und in dem Stil geht das grad so weiter. Und das ist natürlich alles kein Zufall.
Alles ist vergessen und der Boden unter mir weggebrochen und ich hab solch abgrundtiefe Angst wie noch nie in meinem Leben. Und das bleibt jetzt für immer so. “Ich hab solche Angst, oh MA-HA-HANN!”

Wenn ich aufs Klo gehe, muss immer jemand mit und vor der Tür auf mich warten. Durch die Tür erzähle ich, was ich sehe (Spinnenweben, selbstähnliche Muster, die Farben werden matter).

Und dann kommen auf einem Sender die “Fraggles”.
Dr. Spaß ist ein Typ, der immer locker sein will. Dr. Spaß kommt also in einen Raum und begrüßt fünf Leute, die im Halbkreis stehen. Er tut das, indem er ihnen nacheinander auf die Schulter klopft und zu jedem sagt:

Hal-loooo,
altes Haus,
altes Haus,
alter Kumpel,
altes Haus … ”
Joschi und ich lachen uns halbtot – das heißt, ich wahrscheinlich nicht, ich freu mich nur leise, dass die Fraggles mit ihrem Humor mich erreichen können, und wenn ich verrückt wäre, könnten sie das nicht. Oder?

Am Schluss bricht Dr. Spaß zusammen und heult und verrät den anderen, dass seine ganze gute Laune immer nur eine Maske war, und da stehen alle diese freundlichen, schlabberigen Puppen um ihn rum und trösten ihn und sagen, dass er ihnen doch so genauso lieb ist und dass sie ihn so mögen, wie er ist.

Das war „Dr. Spaß”!
Und ich glaube, die Fraggles haben mir das Leben gerettet.

Na also!”, sagt Lutz und schläft mit einem Seufzer ein.
Und ich nehm mir vor, wenn ich das alles überstanden hab – falls ich nicht verrückt geworden bin –, will ich auch mal irgendwie so was Schönes machen, etwas so Freundliches und Liebenswertes wie die Fraggles.
Und dann schlafe ich tatsächlich ein.

Wir haben zwei Stunden geschlafen.
Zum Frühstück essen wir Spaghetti am Pizzastand, kleine verquirlte grellorangene Röhren, die kotzeähnlich rau auf der Zunge glitzern. Dabei reden wir die ganze Zeit davon, wie jetzt ja alles zum Glück überstanden ist -das Trauma der Nacht, wir erzählen’s uns tausend Mal und wiederholen jede Einzelheit. (Joschi kann immer noch nicht glauben, dass ich tatsächlich gekotzt habe.) Die Bäume sehen immer noch übertrieben stark umrandet aus, aber damit werde ich wohl allein fertigwerden müssen.

Abends, auf dem Weg zu Lutz, zum Lindenstraßekucken – der Bus erschüttert mein Gehirn, und ein zweidimensionales Rosenbeet an der Ampel mit weißen und roten Rosen, grell wie Scheiße, nervt mich brutal.

***

Ich weiß nicht mehr, warum ich am nächsten Tag ausgerechnet zu Rodschi gefahren bin. Ich hab ihm erzählt, dass ich einen Trip genommen hab, dass ich fast verrückt geworden wär und dass immer noch alles komisch aussieht.
“Hängen geblieben?”, fragte Rodschi.
Rodschi hat ein Allheilmittel: Er nimmt mich auf seinem Motorrad mit.

Bissie frische Luft wird dir guttun!”

Wir fuhren zum Neil-Young-Konzert. Da saßen wir mit anderen Hessen draußen im Wald vor der Waldbühne und lauschten, den Blick auf Blätter, Tannenzapfen und Zweigchen gerichtet. Keep on rocking in a free world, knätschte Neil Young weit weg hinter dem Zaun. Die Musik war ungefähr so psychedelisch wie ein Trimmdichpfad. Ungefähr wie die Beschilderung eines Trimmdichpfads, wie ein stilisiertes grünes Tannenbäumchen auf einem weißen, dreieckigen Grund. Ungefähr wie ein Duftbäumchen in einem schwarzen Golf GTI. Gesattelter Altrock war das, lang schon auf den Boden gekommen, genau wie der Wald hier, genau wie die Hessen um mich rum, mit denen ich den letzten Joint meines Lebens rauchte (aus einem tönernen Pfeifchen).

Irgendwann verzog ich mich ein Stückchen weiter weg im Wald, und als ich zurückkam, sagte ich zu Rodschi:
Ich glaube, jetzt ist es draußen.”

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Land of the Free (2010-2012)

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Die Kardashians und ich

Heute aus Ursulinskajas Archiv, Thema: Arbeit im weitesten Sinn

“In Zukunft besteht die Arbeit nicht mehr darin, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern darin, im Zeitalter der Automation leben zu lernen.”
Marshall McLuhan

Massive Kräfte wirken auf mich ein und wollen mich im Traum zum Arbeiten zwingen. Ich habe ihnen aber erst mal widerstanden.

Was arbeite ich denn? Morgens, wenn die Hähne krähen, steig ich auf meine Hühnerleiter und streichle die Federn eines vergessenen Tages. Am Mittag kommt jemand und schaut sich meine Ohren an.

Und das würde ich gern arbeiten:
Aktensortieren bei der Deutschen Rentenversicherung, und das für immer. Keine Ängste, keine Sorgen mehr, das Alter kann kommen. Ich teile mir den Platz zwischen den Kopiergeräten mit mehreren dicken und konfliktscheuen Kollegen.

Jeden Tag ging sie zu der großen Lichtung und packte ihre Hirsche aus. Sie platzierte sie so im Unterholz, dass ihre stattlichen Geweihe gerade so mit den Spitzen ins Freie ragten. Danach setzte sie sich ein Stück weiter weg ins Gras und aß ihre Stullen. Die Arbeit hatte sie hungrig gemacht. Die Wiese leuchtete in grellem, saftigem Hellgrün. Ihre gute Laune wuchs dadurch nur. Sie waren drei fröhliche, aufgeweckte Gesellen.

Während ich das schreibe, geht der Millionär zum Angeln, und seine Frau erstellt im Hintergrund neue Powerpointpräsentationen für Baby-Yoga. Sie haben den ganzen Tag kein Wort gewechselt. Die Kinder nerven, aber sind süß. Die Frau ist gelangweilt und will gerne „was Eigenes“ haben.

Derweil in Honolulu, wo ein Arztehepaar seinen Urlaub damit zubringt, abwechselnd ins Leere zu starren oder Arztromane zu lesen (sie).

Während ich Briefe eintüte, sickert die Atmosphäre der ganzen Firma in mich ein. Ich werde häufig gefragt, ob’s mir nicht langweilig wird beim Eintüten, aber wird’s mir nicht. Ich beschäftige mich in Gedanken mit der Firma, allerdings nicht exakt auf dieselbe Art wie meine Kollegen.

Das Fensterputzen hat mir immer am meisten Spaß gemacht. Etwa zwei Tage hat es gebraucht, einmal das ganze Sechseck zu umrunden, eine doppelte Erdumdrehung. Das machte nichts. Ich durfte so lange putzen, wie ich wollte, und meine eiernden Velvet-Underground-Kassetten dabei hören. Nie hat mich jemand zu größerer Eile angetrieben oder für das durchnässte Papier auf den Schreibtischen verantwortlich gemacht. Ob es damit zu tun hatte, dass ich die Tochter des Chefs war?
Diese Erkenntnis traf mich viele Jahre später plötzlich wie ein Hammer. Von nachträglich einsetzendem Pflichtbewusstsein und einer unerklärlichen Traurigkeit wurde ich regelrecht durchgeschüttelt. All die toten Fliegen auf den Fenstersimsen! Wie gerne wäre ich zu ihnen zurückgekehrt und hätte diesmal alles besser gemacht.

Manchmal kommt die Tochter des Chefredakteurs zu Besuch. Sie ist vier Jahre alt und eine zukünftige Leaderin. Die ganze Zeitung liegt ihr zu Füßen. Uns Freiberufler schaut sie nicht mit dem Arsch an. Das Kind weiß Bescheid.

Stellenausschreibung:
Parkbetrachterin öffentlicher Dienst
Ihre Aufgabe ist es, Zeit in der barocken Parkanlage des Amtsgerichts zu verbringen. Der friedlichen und kontemplativen Atmosphäre des im 18. Jahrhundert angelegten Vorplatzes verleihen Sie dadurch eine noch tiefere Dimension. Den hier Beschäftigten machen Sie durch Ihre Anwesenheit bewusst, an was für einem schönen, ruhigen Ort sie arbeiten dürfen. Besoldungsgruppe R1.

Bedingungsloses Grundeinkommen bedeutet: Jeder hat plötzlich frei. Nicht nur die Kardashians und ich, sondern auch alle anderen, und wir können es dadurch mehr genießen.

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Reiher, Vancouver

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Abgefahrene Story zum Jahreswechsel

“I grieg scho langsams Ziddra, so viel isch gared los,
dass mr emmr was zom Verzähla hod.”

(Schwoißfuaß)

Seit im RBB neulich ein Beitrag über die quirlige Berliner Bloggerszene lief, werde ich von Fans häufig an meiner markanten, leicht verruchten Stimme erkannt. Ich habe sie zwar nach der Sendung bewusst bei einem Audiochirurgen verzerren lassen. Das charakteristische Knarzen kommt aber anscheinend immer noch durch.

Vor ein paar Tagen sprach mich also wieder mal ein Follower an. Ich war gerade an der Tanke und schaute einem Fremden dabei zu, wie er meinen Ferrari betankte. Er trug einen Arbeitskittel mit einer Shell-Muschel hinten drauf – offensichtlich ein Angestellter der Tankstelle. Ich war völlig fasziniert von seinen schlafwandlerisch sicheren Bewegungen. Er schien sich mit Autos sehr gut auszukennen. Ich selbst habe zwar keinen Führerschein, habe mir mit dem Ferrari aber einen Kindheitstraum erfüllt. Ermöglicht wurde dies durch meine ersten Werbeeinnahmen bei Ursulinskaja (der Kunde ist leider inzwischen abgesprungen).

Während ich also gerade an der Kasse stand und nach H-Milch fragte, brüllte jemand in der Schlange hinter mir begeistert:
“Ursulinskaja!”
Genervt drehte ich mich nach ihm um. Obwohl ich häufig vor dem Spiegel übe, komme ich anscheinend nicht so unnahbar rüber, wie, sagen wir mal, David Bowie.

uschi-langhans-6_psychedelisch_lilaUschy mit einem Fan, ca. 1968.

„Ursulinskaja, alte Bloggopädin! Schon irgendeine Idee für deine nächste Kolumne?“, fragte der Fan.
Bis eben hatte ich noch keine gehabt, aber …
„… jetzt schon!“, sagte ich schmunzelnd.
„Echt jetze? Und ich bin live dabei! Wow! Um was soll’s denn gehen?“
In mir arbeitete es auf Hochtouren. Jetzt war ich 100 % im Kreativmodus.
Das war’s, das war die Idee: Ich würde einfach über meine Begegnung mit diesem Fan hier schreiben. Wie er mich angesprochen hatte, und wie es mir dann siedendheiß eingefallen war, dass ich über ihn schreiben würde. Wie ich ihm davon erzählte, und was er darauf antwortete. Das würde dann genau diesen krassen Teleskop-Effekt (Geschichte-in-der-Geschichte-Raum-in-Raum-etc.) ergeben, den meine Leser zu Recht von mir erwarten.
“Da verspult es deine Leser ja dann total!”, sagte der Fan dann auch erwartungsgemäß.
“Ist mir bewusst.”
“Mann, krass! Wie macht man so was?”
“Ach, kein Ding. Fantasy musste eben haben, und ein bisschen Glück. Grüße an dieser Stelle von Uschy von der Basteleyen.“
Der Fan notierte sich alles in sein Handy.

„Und sonst? Irgendwelche Anlagetipps für 2017?“, wollte er dann noch wissen.
“Easy. Die Märkte regeln das, die sind robust”, sagte ich sphinxhaft.
“Und das sollte man als Anleger auch sein. Ich vergleiche das immer gern mit dem Surfen: Wer das Auf und Ab der freien Märkte nicht abkann, ist besser mit einem Sparbuch bedient.”
„Supertipp, hab’s mir grade schon selbst als SMS geschickt“, sagte der Fan. „Und wie sieht’s mit der Steuer aus?“
Jetzt war ich voll in meinem Element.
“Anlage KAP beifügen, wenn Sie Einkünfte aus Kapitalvermögen haben!“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen.
„Ursulinskaja, you are simply the best“, sagte der Fan dankbar.

Draußen hatte sich inzwischen ein Filmteam aufgebaut. Soweit ich das überblicken konnte, hatte es nichts mit mir zu tun. Männermodels in legeren Klamotten rissen enthusiastisch die Schläuche aus den Zapfsäulen und bespritzten sich gegenseitig mit Benzin – vermutlich der Dreh zu irgendeinem Werbeclip. Ich schaute mich um. Außer mir befand sich plötzlich niemand mehr im Laden. Auch mein Follower war mit einem Mal verschwunden. Schweren Herzens verließ auch ich diesen Ort, der für einen kurzen Moment zwei Leben zusammengeführt und das vibrierende Zentrum dieser kleinen Geschichte gebildet hatte. Den Ferrari ließ ich der Einfachheit halber stehen.

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